5 Stunden Arbeit pro Woche

Das Unternehmerpaar Marie und Michael Tuil ernährt mit sehr bescheidenem Lohn eine vierköpfige Familie und provoziert damit kontroverse Reaktionen. Wir haben nachgefragt.
Mathias Morgenthaler, publiziert: 15.03.2021, 10:39


Der bescheidene Lebensstil führt auch zu einem geringeren CO₂-Verbrauch: Marie und Michael Tuil.

Die Geschichte klang für viele zu schön, um wahr zu sein: Sie würden als Unternehmerpaar nur 15 Stunden pro Woche arbeiten, sich je bloss 1500 Franken Lohn pro Monat auszahlen und damit ein glückliches Leben als vierköpfige Familie führen, hatten Marie und Michael Tuil zu Protokoll gegeben und damit kontroverse Reaktionen ausgelöst.

«Wer würde noch Steuern bezahlen, wenn alle so wenig verdienten?», fragten sich manche, andere gingen so weit, das Unternehmerpaar als «Schmarotzer» zu beschimpfen, die es sich auf Staatskosten gut gehen liessen und von den Vielarbeitenden profitierten. Zudem sei der Erwerb eines Hauses in Frankreich kein Ausdruck eines genügsamen Lebensstils. Für Armutsbetroffene, monierten andere, sei es ein Schlag ins Gesicht, dass der Eindruck erweckt werde, mit 3000 Franken könne man als vierköpfige Familie gut über die Runden kommen.

Grund genug, bei Marie und Michael Tuil genauer nachzufragen, wie ihr Budget aussieht und was sie zu den Vorwürfen zu sagen haben. «Wenn alle so leben würden wie wir, wäre das für die Umwelt eine gute Nachricht», kontert Marie Tuil. Herr und Frau Schweizer verursachten im Durchschnitt einen CO₂-Ausstoss von 12 Tonnen pro Kopf und Jahr und lebten demnach so, dass wir mehr als drei Planeten bräuchten. Sie kämen als vierköpfige Familie insgesamt auf 12 Tonnen.

Es sei ihnen nie darum gegangen, Steuern zu sparen oder auf Kosten anderer zu leben, sondern ein gutes Leben zu führen, Zeit mit den Kindern zu verbringen und – vor allem – einen Beitrag zu leisten zur Reduktion des CO₂-Ausstosses. «Und dazu verhelfen wir mit den Solarpanels für den Balkon nun auch anderen.»


So sehen die Einnahmen der Tuils aus

Doch wie schaffen es die beiden Unternehmer ganz konkret, von 3000 Franken zu leben – einem Betrag, der weit unter der Armutsgrenze für eine vierköpfige Familie liegt? «Da wir weder für Direct Coffee noch für Solarbalkon Büroräume mieten, sondern zu Hause arbeiten und Material im Keller lagern, steuert die Firma 460 Franken pro Monat an die 1060 Franken Wohnungsmiete bei», erläutert Michael Tuil. Auf der Einnahmenseite kommen zum Lohn monatlich 550 Franken in Form von Familienzulagen für die beiden Kinder dazu.

Und: Aufgrund des geringen Jahreslohns erhält die Familie staatliche Krankenkassenverbilligungen im Umfang von 900 Franken pro Monat. «Wir haben die höchste Franchise und wählen jedes Jahr den billigsten Anbieter», sagt Michael Tuil. «Glücklicherweise sind wir ganz selten krank, so schlagen derzeit keine Gesundheitsausgaben zu Buche.» Das sei eine sehr willkommene Entlastung, weil es in der Schweiz sonst keine finanzielle Unterstützung für Gründer gebe.

«Als wir mit Direct Coffee starteten, zahlten wir uns deshalb mehrere Jahre gar keinen Lohn und lebten in einer Einzimmerwohnung», erläutert Michael Tuil. Das Ziel sei aber, betonen beide, den «Lohn bis Ende 2021 so weit zu erhöhen, dass es ohne Prämienverbilligungen aufgeht».
Teppich aus der Facebook-Gruppe

Ein schlechtes Gewissen haben Marie und Michael Tuil nicht, weil sie staatliche Unterstützung bei der Krankenkasse in Anspruch nehmen und privat kaum Steuern zahlen. «Wer Steuergerechtigkeit verlangt, sollte bei den Konzernen und reichen Personen anfangen. In unserem Fall ist der Antrieb nicht, keine Steuern zu bezahlen, sondern ein Leben mit weniger Ressourcenverschleiss zu führen», sagt Michael Tuil. Zudem hätten sie investiert, um mit der Firma einen sozialen Nutzen zu stiften und Arbeitsplätze zu schaffen, und zahlten auch Unternehmenssteuern.

«Wenn es ein Geheimnis gibt, das uns erlaubt, mit so wenig Geld zu leben, dann lautet es: weniger Konsum», sagt Marie Tuil. So werfe die Familie keine Lebensmittel weg, esse kaum Fleisch, kaufe günstig gebrauchte Kleider. Als eine Teflonpfanne nach drei Jahren kaputt ging, besann sich Marie Tuil auf eine ältere Gusseisenpfanne. Den neuen Teppich fand Michael Tuil in der Facebook-Gruppe «Gern gscheh», wo ausgemistete Gegenstände gratis abgegeben werden. Für den Sommer haben die Tuils keine Ferien am Meer geplant, sondern einen sechswöchigen Einsatz auf einem Bauernhof in einem Walliser Bergdorf nach dem Motto: Arbeitskraft gegen Kost und Logis.

Und wenn die Kinder in den Europa-Park oder ins Disneyland wollen? «Wir gehen mit ihnen in den Wald, an den See, in den Tierpark, leihen Bücher und Spielsachen aus», sagt Marie Tuil und ergänzt: «Gerade spielt unsere Tochter seit einer Stunde Kapitänin in einer Kartonschachtel und macht dabei einen sehr zufriedenen Eindruck.»

Sie hätten aufgrund des Artikels viele Anfragen erhalten von Gleichgesinnten, die sich Tipps holen wollten, wie man die Ausgaben reduziere und die Zufriedenheit erhöhe, sagt Marie Tuil. Sie kann sich vorstellen, dazu ein Buch zu schreiben.

Bleibt die Frage, wie das Haus in Frankreich zum minimalistischen Lebensentwurf passt. Das Haus stehe nicht in Südfrankreich, sondern in den Vogesen, nahe von Basel, sagt Michael Tuil. Da es sehr alt sei, habe es umgerechnet 32’000 Franken gekostet. Für die Renovation gaben sie «maximal 2000 Franken» aus, darüber hinaus kostet sie vor allem Zeit und Schweiss. «Für uns ist das eine sinnvolle Investition, weil wir viele Wochenenden dort verbringen mit den Kindern, das Haus später vermieten und irgendwann gratis darin wohnen können», bilanziert Michael Tuil. So werde dieses Projekt bald einmal selbsttragend sein.

Und Marie Tuil ergänzt, die Aussage mit den 15 Wochenarbeitsstunden sei falsch verstanden worden. Sie würden nicht auf Kosten anderer auf der faulen Haut liegen, sondern hätten gemerkt, dass sie sogar mehr schafften, wenn sie die Arbeitszeit knapp hielten. «Der einzige Luxus, der wirklich glücklicher und produktiver macht, ist freie Zeit.»

Mathias Morgenthaler war Wirtschaftsredaktor bei Tamedia und ist heute als Autor, Coach und Referent tätig. Er ist Autor der Bestseller «Aussteigen – Umsteigen» und «Out of the Box» und Betreiber des Portals www.beruf-berufung.ch.


https://www.tagesanzeiger.ch/wie-lebt-man-von-3000-franken-lohn-918109253783

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